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Gedanken zum Psalm 121
Morgenandachten vom 29. April bis 4. Mai 2002 im Nordwestradio, Bremen

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?
Meine Hilfe kommt von dem Gott, der Himmel und Erde gemacht hat.

Ein Blick zum Himmel und die gezielte Frage:
Woher kommt mir Hilfe? Wer hilft mir? Was hilft mir?

Es gibt eine Menge Situationen, die dieses Ausschauen nach Hilfe hervorrufen können. Ich denke an kleine alltägliche Nöte, z.B.: Ich finde meine Schlüssel nicht. Oder: das Auto springt nicht an.

Dann die anderen schwierigen Lebenslagen: kleinkariertes Streiten, das sich im Kreise dreht, niemandem nützt, nur immer neu verletzt, Oder: resigniertes Verzweifeln, weil es einfach nicht weitergehen will mit meinen Plänen, meinen Hoffnungen, meiner Genesung.

Woher kommt mir Hilfe? Wer hilft mir? Was hilft mir?
Zur Bewältigung des Lebens gehört diese Frage einfach dazu. Jeder Mensch braucht mal Hilfe. Und hält Ausschau nach Hilfe. Und fragt nach Hilfe.

Die Antwort auf die Suche nach Hilfe liegt entweder auf der Hand oder im Herzen oder im Glauben:

  • Die Gelben Seiten, Tips und Termine in der Tageszeitung, das Internet, Ratgeberbroschüren, Hinweise von Nachbarn oder Freundinnen - diese Hilfen liegen auf der Hand, und ich benutze sie. Auf der Hand liegen auch die Hilfen, die mir Profis anbieten: von der Autowerkstatt bis zur Psychotherapie.
  • Ist das Herz beim Helfen gefragt, suche ich eine Antwort in einer Hilfe, die mir Liebe schenkt. Die ausgestreckten Hände eines Kindes ersehnen die liebende Umarmung des Vaters oder der Mutter. Und sucht ein Mensch Antwort darauf, daß er um sein Leben betrogen wurde, wird er sein Leben wieder lieben lernen, wenn ihm jemand sein Herz schenkt.
  • Daß mir Hilfe von Gott als Antwort kommt, das hat etwas mit dem Glauben zu tun, daß er Himmel und Erde und auch mich gemacht hat. Das meint, daß Gott das alles und auch mich gewollt hat. Dieses, daß Gott gestalten will (auch mein Leben), schließt sein Helfen ganz natürlich mit ein.

Gott bietet seine Hilfe an für alle, die sich mit Himmel und Erde praktisch und konkret auseinandersetzen möchten. So weit spannt sich sein Hilfsangebot.
Das setzt zugleich den Maßstab:
Der Glaube sucht Gottes Hilfe, weil er Leben im Spannungsfeld zwischen Himmel und Erde gestalten will.

Im dritten Vers steht das Bekenntnis:

Gott wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet schläft nicht.
Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.

Gleich - so gegen 7 Uhr - machen sich viele auf den Weg: zur Arbeit, zur Schule.
Fast automatisch finden die Füße ihren Weg, denn es sind vertraute Wege.

  • Paß gut auf dich auf! Träum nicht! Halt die Augen offen! sagt die Mutter ihrem Kind, das zum ersten Mal allein zur Schule geht. Und still für sich denkt sie: Bleib behütet!
  • Paß gut auf dich auf! Fahr nicht so schnell! Arbeite nicht so viel, gönn dir ein paar Pausen! Noch eine schnelle Umarmung, ein flüchtiger Kuß, dann gehen beide ihrer eigenen Wege in den Tag und wünschen sich: Bleib behütet, bis wir uns wiedersehen!
  • Paß gut auf dich auf! Es ist ein fremdes Land, und du kennst dort niemanden! Ruf uns immer wieder mal an, hörst du?! Die Eltern sehen ihrem jugendlichen Kind nach, bis es in der Schlange der Fluggäste verschwindet. Und während sie sich die Hand drücken, sprechen ihre Herzen: Bleib behütet, Kind!

Bei Trennung, beim Abschied voneinander - auch jetzt gleich, heute morgen:
Vielleicht nur für Bruchteile einer Sekunde durchwallt uns dieser stille Wunsch: Bleib behütet!

Nur gelegentlich findet dieser Wunsch die laute Sprache. Aber als Herzenswunsch ist er da. Und er zeugt von einem tiefen Wissen:
Selbstverschuldet oder unverschuldet kann das gewohnte Leben ins Schlingern geraten, auf die schiefe Bahn.
Ich trete daneben, komme vom Weg ab, verliere den Halt, stürze - und alles ist nicht mehr so, wie es heute morgen noch war.

Gott wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft und schlummert nicht.
Gott ist hellwach für das Leben und will nicht, daß du ins Stolpern gerätst.

Aber: die Gewalt? das Böse? das Leid? der Unfall?
Wenn so etwas über ein wehrloses Kind oder eine ahnungslose Radfahrerin herfällt?

Greuel und Gewalttaten sind durch nichts zu rechtfertigen. Gott, der Hüter unseres Lebens verachtet sie zutiefst. Er bleibt dem Leben verschrieben, auch wenn Menschen Unheil stiften.

Und mit diesem stets wachen Liebhaber des Lebens verbündet sich dein stiller Wunsch aufs Beste: Bleib behütet!
Gott behüte dich, daß dein Fuß nicht gleite und du fällst!

 

In der Mitte des 121. Psalms entführt uns ein bildhaftes Bekenntnis in die Welt des Orients:

Gott behütet dich; er ist dein Schatten über deiner rechten Hand, daß dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts.

Einen Sonnenstich kann man sich zwar auch in unseren Breiten zuziehen, in Palästina ist ein täglicher Sonnenschutz jedoch unerläßlich.
Daß auch der Mond stechen kann, wissen nicht nur die Mondsüchtigen. Bei vollem Mond schlafe auch ich unruhig und wache häufiger auf nach wüsten Träumen.
Im Orient wirken die Mondstrahlen noch intensiver. Und so verwundert es nicht, daß der Wirkkraft des Mondes dort Wechselfieber, Aussatz, Erblindung und andere dämonische Besessenheiten zugeschrieben wurden.

Sonnenstich und Mondsüchtigkeit stehen in diesem bildhaften Bekenntnis für die Erfahrung:
Menschliches Leben ist gefährdet und bedroht - tagsüber und auch nachts! Und das so selbstverständlich wie Sonne und Mond am Himmel stehen.
Was alles passieren kann, - auch wenn wir noch so auf der Hut sind - ,ohne daß wir uns dagegen wehren könnten, brauche ich gar nicht auszumalen.

Gott behütet dich; er ist dein Schatten über deiner rechten Hand.

Einmal war ich im August in Israel. Tag für Tag die stechende Sonne. Trotz Hut auf dem Kopfe suchte ich den Schutz des kühlenden Schattens, wo immer er sich mir bot.

Schatten - das ist ein starkes Bild für den Schutz Gottes.
In anderen Psalmen wird vom Schatten seiner Flügel gesungen, dem Schutz, den seine Fittiche dem bedrängten Menschen bieten.
Die gewaltigen Flügel der Cherubim im salomonischen Tempel versinnbildlichten diesen besonderen Beistand Gottes für Menschen. Mit Gottes Hilfe zur Rechten und in seinem Schatten ist Leben wirklich behütet.

Tagsüber und auch nachts darauf vertrauen, daß es diese Oase der Erholung, des Aufatmens, der Ermutigung in seinem Schatten gibt, das ist sein besonderes Angebot.

Wenn du kannst, tritt heute mal für einen Augenblick in eine Kirche und laß deine Seele die angenehme Kühle des Schattens atmen. Und wenn du gebunden bist in deine Räume, geschlagen von zu viel Arbeit, dem Lauf der Dinge wehrlos ausgeliefert - dann nimm dieses Bild mit dir und laß deine Seele immer mal wieder kurz darauf blicken:

Gott ist dein Schatten über deiner rechten Hand, daß dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts.

Drei Segenswünsche beschließen den 121. Psalm.
Der erste lautet:

Gott behüte dich vor allem Übel.

Am frühen Morgen gleich die Begegnung mit dem Übel dieser Welt.
Zwischen der auf den Tag einstimmenden Musik dringen halbstündig die Nachrichten aus dem Radio in unser Bewußtsein. In komprimierter Form das Übel dieser Welt.

Das Übel ist mehr als das Böse. Es ist das Unheil im umfassenden Sinne. Vor allem alles, was das Leben zerstört, die Seele verführt und das Miteinander zersetzt.

Mit der Sintflut sollte es ersäuft werden. Doch Gott stellt danach fest, daß das Übel sich nicht aus der Welt schaffen läßt, daß das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens böse ist - von Jugend auf.

Wenn es schon keine heile Welt gibt, so bleibt die Chance, sich gegen das Übel zu wehren. Die größten Chancen bestehen da, wo die Verbote Gottes als praktische Lebenshilfe respektiert werden:

  • Du sollst deinen Mitmenschen nicht niedermachen;
  • du sollst ihn nicht sexistisch ausbeuten;
  • du sollst dich nicht auf seine Kosten bereichern;
  • du sollst ihn nicht mit übler Nachrede entwürdigen;
  • du sollst nicht neidisch, mißgünstig und habgierig sein.

Das sind die Haupteinfallstore des Übels in unser tägliches Leben - im Kleinen wie im Großen.

Gott behüte dich vor allem Übel.

Es tut gut zu hören, daß das Übel nicht einfach nur da ist, sich nicht beseitigen läßt, und Unheil und Schlechtigkeit nicht ungehindert Leib und Seele, Gut und Ehre zersetzen können.

Gott möge dich davor bewahren!
Ich wünsche dir neben anderen Menschen vor allem einen Verbündeten gegen das Übel: Gott.
Mit ihm bist du gut beraten. Denn seine Idee ist es, das Übel mit Gutem zu überwinden. Phantasievoll, liebevoll und unermüdlich hat er sich durch Jesus gegen das Übel in und unter Menschen gestellt.

Gott behüte dich vor allem Übel.

Er bleibe dir nah - neben dir, hinter, unter und über dir - ,
daß der böse Feind keine Macht an dir finde und das Übel von keiner Seite in dein Leben dringt..

Der zweite Segenswunsch lautet:

Gott behüte deine Seele.

Seele und Leben sind unzertrennbar.
Leben ohne Seele - das ist ein seelenloses Dasein.
So gibt es in der hebräischen Sprache des Psalms nur ein Wort für Seele und Leben.

Die Weite und die Tiefe und auch die Dauer von schönen Lebenserfahrungen haben unmittelbar etwas damit zu tun, ob wir mit Leib und Seele dabei sind.

Lachen und sich freuen, spielen und vertrauen, lieben und mutig sein - das sind Lebensäußerungen unserer Seele. Und auch: weinen und verzweifelt sein, zanken und zürnen, erschrecken und verzagen.

Aus der Vielfalt seelischen Erlebens erwächst das lebendige Leben. Deshalb erscheinen uns seelenlose Menschen wie kalte Roboter.

Gott behüte deine Seele.
Ich sage jetzt:

  • Gott behüte dir dein Seelenleben. Oder:
  • Gott behüte dir eine lebendige Seele.

Dieser Segenswunsch tut gut.
Denn zerbrechlich sind nicht nur die zarten Seelen kleiner Kinder.
Wie angenehm ist es mir zu spüren, daß und wenn ein erwachsener Mensch seelisch zart besaitet ist.

Ein gesundes Seelenleben ist die Basis eines intakten menschlichen Miteinanders.
Die Umkehrung dieser Aussage macht es deutlich:
Ist das Seelenleben in einer Beziehung gestört oder zerstört, entartet der Umgang in Streit und Rechthaberei.

Gott behüte dir dein Seelenleben.
Gott ist der Fachmann für lebendiges Leben.
Mit seinem Odem hat er den Pulsschlag des Lebens in Gang gesetzt und die Seele das Atmen gelehrt.
Gott weiß, daß die Seele ihren Raum braucht im Leben. Und er bietet deiner Seele diesen Raum an. Denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Seine Seele braucht den Kontakt mit dem Ursprung des Lebens.

Der 121. Psalm endet mit dem Segenswunsch:

Gott behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.

Ausgang und Eingang sind siamesische Zwillinge.

Der Ausgang ist zugleich immer auch Eingang.
Lasse ich den einen Raum hinter mir, trete ich sogleich in einen anderen.
Mit dem Ausgang einer Lebenszeit beginnt sogleich eine neue.

Der Ausgang aus dem Mutterleib bescherte mir den Eingang ins Leben.
Wer sich aus seiner vertrauten Welt herauswagt, setzt seinen Fuß ins Fremde.
Trete ich aus dem Haus, bedeutet das zugleich, daß ich hineingehe in den Raum der Straße.

Das Durchschreiten von Pforten und Überschreiten von Schwellen ist im Lebensprozeß mit schmerzvollen Veränderungen und angstbesetzten Wandlungen verbunden.
Abschied und Neubeginn - das ist schnell gesagt, braucht aber Mut, Kraft und Zeit.

Gott behüte deinen Ausgang und Eingang.

Dieser Segenswunsch spricht dir Gottes Gegenwart zu.

Die Gegenwart eines Menschen kann eine Menge bewirken.
Beim Sportunterricht z.B. ermutigte mich die Gegenwart des Lehrers, mir bei der neuen Turnübung Hilfestellung zu gewähren, zur Tat.
Mehr als einmal habe ich mir dabei als schlechter Turner gewünscht, der Lehrer möge eingreifen und mir so blaue Flecken ersparen.

In kritischen Übergangssituationen des Lebens wird - sicherlich nicht nur von mir - das hilfreiche Eingreifen Gottes ebenso gewünscht und auch ernstlich erbeten.
Ob Gott zur Tat schreitet, steht dahin. Sein Dabei-sein steht jedoch außer Zweifel.
Und das bedeutet mir sehr viel.
Denn es gibt mir die Ruhe, daß ich mir nicht das Genick breche.

So kann die Gewißheit der Gegenwart Gottes in dir eine Menge bewirken:
Du behältst das Vertrauen, daß dein Leben gehalten wird - wie immer dir Ausgang und Eingang gelingen.

Gott behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.

Alle Übergänge deines Lebens sind stets bezogen auf die Gegenwart Gottes.
Darin ruht die Kraft dieses Segenswunsches:
Deine Gegenwart und die Gegenwart Gottes sind stets deckungsgleich.
Und wenn Gott gegenwärtig ist, ist Leben behütet - heute, morgen und bis in die Zeit des Ewigen.

 
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